Christopher Kloeble

                                      CHRISTOPHER KLOEBLE - web

                                                        

     CHRISTOPHER KLOEBLE

                             
                             HERR ERWIG
                      

          

     Es schellt. Seine Bettdecke ist zu schwer, er kann nicht aufstehen. Jemand macht sich am Schloss zu schaffen. Türknallen. Schritte kommen näher. Klack-Klack-Klack. Diese Sarah, denkt er, wie immer mit Absätzen. Sie grüßt, schlüpft aus ihren Stöckelschuhen, nennt ihn Max. Das findet er ein bisschen kurz. Max Alfons Helmut Erwig stand früher auf den Plakaten, sagt er. Seine Worte zwicken im Hals – wie lang ist es her, dass er gesprochen hat? Aber, aber, immer mit der Ruhe, Max, sagt sie und reißt ruckartig die Vorhänge auf. Licht fällt auf ihn. Viele verehrten mich als Puck, ruft er, aber sie verlässt das Zimmer, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Eine von der ungeduldigen Sorte. Noch vor zehn Jahren hätte sie ihn um ein Autogramm gebeten, denkt er, aber man kann sich sein Publikum eben nicht aussuchen. Und so lange sich nicht mehr Leute auf der Bühne befinden als davor, wird weitergespielt. Da kehrt sie auch schon zurück und stellt eine Blechschüssel voll Wasser neben das Bett. Sind Sie eigentlich ein Abonnent? Ich bin Sarah, das wissen Sie doch, sagt sie. Das habe ich nicht gemeint, sagt er. Weiß ich doch, Max, antwortet sie, und wringt einen Schwamm in der Blechschüssel aus, bevor sie damit beginnt, seine Füße zu waschen. Ekelhaftes Gefühl. Lassen Sie das, befiehlt er, ich werde später duschen. Die macht einfach weiter. Soll sie doch. Als Puck war ich übrigens grandios. Kenn ich nicht, sagt Sarah. Jeder kennt den Puck, sagt er. Ich nicht, sagt sie. Was für eine schamlose Person. Gehen Sie mal ins Theater, sagt er. Kino ist besser, meint Sarah und taucht mit dem Schwamm unter sein Nachthemd. Gutes Gefühl. Ihm scheint, wäre sie nicht so schrecklich dumm, sie hätte was von Andrea. Seine Andrea trug auch so gern Stöckelschuhe. Und die konnte sich bewegen! Trotz ihrer Pfennigabsätze schwebte sie bei jeder seiner Premieren über den Roten Teppich, auf Empfängen glitt sie so leichtfüßig übers Parkett,

dass man ihn für einen begnadeten Tänzer hielt, und 82, nach diesem peinlichen Infarkt auf der Bühne, flog sie beim morgendlichen Lauf an seiner Seite dahin und ermunterte ihn, den Schnaufenden, Dicken, den Raucher, der sich Meter um Meter, Pfund um Pfund abrang. Immer in Bewegung zu bleiben, bedeutete Andrea alles, ihr Leben hing davon ab. Wie bei einem Hai, denkt er und lächelt, während Sarah seine Hände vorsichtig in die Ärmel eines frischen Nachthemdes manövriert. So, sagt sie, jetzt macht der Max wieder was her. Ich war einmal ein idealer Fang! Sie deckt ihn zu, kämmt ihm die Haare nach hinten und sagt, das sind Sie doch immer noch. Jetzt eine elegante Verbeugung, das würde mächtig Eindruck schinden, nur … wie verbeugt man sich im Liegen? 63, an den Städtischen Bühnen Ulm, da war das ein Klacks, einmal mit Schwung nach unten sausen und schwupdiwupp wieder hoch, Brust raus, Rücken durchgestreckt, das imponierte der Damenwelt. Ein Schauspieler. Ein Theaterschauspieler! Mitte zwanzig, groß gewachsen und gut aussehend. Seine Avancen ignorierte keine. Nur diese Andrea schien noch nichts davon gehört zu haben. Idealer Fang? Kasperletheater, fand sie und ließ ihn links stehen. Aber mit was für einem Hüftschwung! Von Bedienungen in der Kantine hielt er eigentlich wenig, wollte man mehr von ihnen als ein Weißbier, musste man ihnen im Grunde nur eine Komparsenrolle versprechen. Dummheit schloss er bei ihr allerdings aus, denn je dümmer die Frauen waren, soviel hatte er gelernt, desto bessere Schauspielerinnen gaben sie ab, und diese Andrea hatte trotz allem geschmunzelt. Was für ein Frau, dachte er, die hatte Klasse. Sie ging ihm aus dem Weg, eine halbe Spielzeit lang. Bis sie einen freundlicheren Ton anschlug, wurde es Dezember, dabei hätte er wissen müssen, dass etwas im Busch war, als sie ihn fragte, ob er auch den Nikolaus spielen könne. Den beherrsche er! Prima, meinte sie, dann müsse er ihr unbedingt eine private Kostprobe geben. Das hielt er für eine ausgezeichnete Idee. Weniger ausgezeichnet erschien sie ihm erst, als er nach fünfstündiger Fahrt durchs bayerische Voralpenland den Spielort erreichte, er hieß Segendorf, und sie ihm sein Publikum vorstellte: acht aufgedrehte, jüngere Geschwister mit geflochtenen Zöpfen und Heu im Haar, die alle auf seinem Schoß sitzen wollten. An diesem Abend war er so erschöpft wie nach der sechsstündigen Premiere der Orestie im Großen Haus. Schade, dass sie meine Andrea nie kennengelernt haben, brüllt er gegen den Staubsauger an, mit dem Sarah das Zimmer reinigt. Was? ruft Sarah. Meine Andrea! Welche Andrea denn? Sie führte mich auf den Schotterweg, sagt er und wird mit jedem Atemzug leiser, bis die Worte nur mehr in seinem Kopf erklingen: Unser Schotterweg, .........

mai mult.... mehr......

Web Design

 

[HOME] [DESPRE REVISTA] [REVISTA] [Dorin Tudoran] [Dan Anghelescu] [Liviu Antonesei] [Bedros Horasangian] [Lucian Vasiliu] [Radu Ciobanu] [Clelia Ifrim] [Theodor Damian] [Mircea Doreanu] [Dan Danila] [Dorin David] [Wolfgang Hilbig] [Bianca Marcovici] [Paul Tumanian] [Persida Rugu] [Leon-Iosif Grapini] [Christopher Kloeble] [Gheorghe A. Neagu] [Hans Dama] [Susann Blochberger] [Adriana Weimer] [Dan Chiriac-Kyre] [Ingeborg Bachmann] [Simion Danila] [Yehuda Amichai] [Veronica Balaj] [Paul Sarbu] [Otilia Hercut] [Ion Haines] [Sonia Elvireanu] [COLECTIA] [BIBLIOTECA] [CONTACT] [REDACTIA] [IMPRESSUM] [LINKURI UTILE]