Christopher Kloeble

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     CHRISTOPHER KLOEBLE

                             
                              EASY SELLER
                      

          

     Den kunterbunten Grundriss von unserem Haus habe ich mit elf Jahren gemalt, nicht ganz maßstabsgetreu. Darauf ist jedes einzelne Möbelstück auszumachen, die Originalbe-setzung. Ich betrachte die krummen Linien und mäandernden Striche. Der denkmalgeschützte vordere Teil soll älter als zweihundert Jahre sein. Früher hauste eine Bäuerin mit ihren Schweinen im selben Raum, in dem sich ein paar Generationen darauf die Garderobe befand. Nach Jahrzehnten der Misswirtschaft zogen die Nachkommen dieser Bäuerin nach Australien und überschrieben das Grundstück meinen Eltern, mit allen pinkfarbenen Türen, eigelb gekachelten Bädern und Maulwurfshügeln im Garten. Dort lebten wir zweiundzwanzig Jahre lang.
Ich stehe am oberen Ende des knallrot umrandeten Rechtecks auf dem Grundriss, mein altes Zimmer im zweiten Stock. In der verglasten Balkontür erscheint schemenhaft meine Silhouette. Draußen brennt die Sommersonne und wird von den Solarzellen auf dem Gästehaus so stark reflektiert, ich muss die Augen zusammenkneifen. Über mir stützen das schräge Dach Holzbalken, durch die sich Risse ziehen. Ideale Schlupfwinkel für Stechmücken und deren Nachwuchs, die nun angreifen und meinen Kopf umkreisen. Wenn ich wie früher den Papa riefe, damit er – Kopf im Nacken, Blick zur Decke und mit Fliegenklatsche bewaffnet – auf Moskitojagd ginge, würde er kommen? An den Balken hing damals meine Sammlung Baseballmützen: Go Dolphins! (Miami), Walt Disney World Resort (Orlando), FC Bayern (das Geburtstagsgeschenk eines Freundes, der wusste, das ich mich nicht für Fußball interessierte) und noch etwa weitere drei Dutzend, die ich selten getragen habe; so aufgereiht machten sie in meinen Augen mehr her als an mir. Dasselbe galt für Armbanduhren, vor allem von Swatch, aus Prospekten der Business Class, die ich meinen Eltern auf drei Dutzend Flügen mit der Lauda Air über den großen Teich präsentiert hatte, mit der Zuversicht eines Kindes, das sich durchaus bewusst ist, wie überzeugend sein flehentlicher Blick sein kann.

Sonnenlicht fällt durch die Dachfenster und macht den wirbelnden Staub im Zimmer sichtbar; es ist August, Hitze ballt sich unter dem Dach und Schwitzen scheint unvermei-dlich. Aber ich sollte mich nicht beschweren, an kalten Winterabenden halten selbst drei auf die Höchststufe gestellte Heizkörper die Wärme nicht.
Beim Verlassen des Zimmers schließe ich die Tür hinter mir und gehe eine steile Treppe nach unten ins erste Stockwerk.
Am Fuß der Treppe öffne ich die mit Milchglasfenstern eingefasste Tür gegenüber und betrete die Tenne. Der Teppichboden dort leuchtet himmelblau. Was für eine Schrubberei, wenn wir bei Fernsehabenden ein Glas Rotwein umstießen. Wochenlang wies meine Mutter darauf hin, in vorwurfsvollem Ton, und wir tranken nur über ein Tablett gebeugt, bis irgendjemand, nicht selten sie selbst, wieder ein Glas umstieß. So ein Teppich verlangte das einfach, wie geschaffen war er, um darauf am ersten Weihnachtsfeiertag zwischen Klavier und Christbaum zu fläzen, viel zu dicht vor dem Fernseher – alle Aufmerksamkeit dem Videospiel! Was nicht heißt, dass ich dabei unbehelligt blieb. Meine kleine Schwester wollte stets mitmischen. Sobald unsere Eltern appellierend meinen Namen sprachen, gab ich ihr ein Controllpad für den NES, auf dem sie herumdrücken konnte. Steckte es aber nicht ein. Mach ich gut? wollte sie wissen. Machst du sehr gut, sagte ich ihr. Ein paar Jahre später – die Zeit des Super NES – hatte sie bereits ein Alter erreicht, in dem sie nicht nur wusste, ob ihr Controller eingesteckt, sondern auch, wie ich zu besiegen war. Mit dem N64 erreichte unsere Konkurrenz den Zenit, es war ein harter Kampf um den ersten Platz, und unterstützende Maßnahmen – Schubsen, Brüllen, Sicht verstellen – waren dringend von Nöten, um mir den Sieg zu garantieren. Doch spätestens nach Erscheinen des Game Cubes, als es wiederholt vorkam, dass ich eine halbe Stunde lang als Aragorn Orks spaltete und sie in dieser Zeit Schulter an Schulter als Zuschauerin neben mir saß, ohne ins Spielgeschehen eingreifen zu wollen, stellten wir fest: In all den Jahren ging es nie darum, ob wir mit-, gegen- oder nebeneinander zockten; es ging darum, sich dank ein paar Runden Action RPG sehr viel näher zu sein als sonst.
Ich gehe zurück in den Flur und langsam vorbei an der Treppe. Das Holz knarzt, jedes Ächzen kenne ich, jahrelang habe ich mich bemüht, es zu vermeiden, wenn ich nachts durchs Haus geschlichen war, vorbei am Zimmer meiner Schwester, vorbei an den Schlafzimmern meiner Eltern. (Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie sich jemals eins geteilt hätten.) Damals huschte ich nach oben, kniff das Gesicht zusammen, sobald die Bretter ächzten, hielt meine Freundin an der Hand, achtete auf die Stufe im ersten Stock und wandte mich an der richtigen Stelle nach rechts, dort, wo ich in diesem Moment stehe, stolperte dann die Treppe nach oben, rein in mein Zimmer, hin zum französischen .......

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