Andrej v. Amady

                                                                                                             

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                                 anonymus                                                        

                                                         

             ANDREJ von AMADY

                            Liebe und Wahnsinn
                               in finsterer Zeit    

12.


Meine Mutter hatte keine leichte Kindheit. Wurde von meiner Großmutter streng erzogen. War eine fleißige, gute Schülerin. Durfte aber auch nirgends hingehen. Falls sie mit einer Freundin manchmal ins Kino ging, sah meine Großmutter auf die Uhr. Wenn sie sich um einige Minuten verspätete, gab es heftige, wortlose Vorwürfe. Sie war sehr gut in Eiskunstlauf und spielte sehr gerne Tennis. War eine schöne Frau. Groß, schlank und immer gut gekleidet. Auf der Straße drehten sich die Leute um, starrten ihr nach. Ihr erster und letzter Freund war mein Vater. Als sie als Jungfer heiratete, war sie 26 Jahre alt. Kann man das heute noch glauben? So, wie sie erzogen wurde, zog sie mich auch auf. Streng. Ihre Träume sollte ich verwirklichen. Wenn ich sie umarmen wollte, stieß sie mich einfach weg: Was soll das? Ich wurde als fünfjähriges Kind mit einem Nachttopf im Zimmer eingesperrt; musste stundenlang Klavier üben. Schau dir deine Kumpels an! Hast an ihnen nichts verloren, sagte sie. Denk an deine Zukunft. Oder willst du als Schlosser in der Nicovala enden? (Nicovala war eine große Metallverarbeitungsfabrik, wo die meisten Leute unserer Heimatstadt arbeiteten). Zugegeben, mir graute es auch, dort zu enden. Entfernte ich mich in der freien Zeit ohne Erlaubnis von Zuhause, hatte ich gleich Schuldgefühle, fragte mich besorgt, was mich bei meiner Rückkehr erwarten würde. Mehr als alles andere aber fürchtete ich mich vor der Angst meiner Großmutter, vor ihren Sorgen; auch wegen mir. Immer das Gleiche: laute Vorwürfe, eine Woche Hausarrest. Und dennoch fand ich einen geheimen Gefallen am Unerlaubten. Sprang öfters durchs Fenster und lief ins Stadion, wo die Wettläufe und Übungen stattfanden. Mein Vater kam nie vor zehn oder elf Uhr abends nach Hause. Immer angetrunken. Nie besoffen. Ich lag in meinem Zimmer im Bett und zitterte, während ich der lauten, vorwurfsvollen Stimme meiner Mutter lauschte.


Mein Vater sagte nie was. Kein Wort. Nach einer Weile beruhigte sich alles und ich konnte weiterlesen. Die Atmosphäre blieb aber immer angespannt. Ich litt sehr darunter. Fand Trost als kleines Kind bei meiner Großmutter. Sie erzählte mir wunderbare Märchen und wir hörten uns manchmal aus ihrem kleinen Radio die Theaterstücke von Goldoni und anderen Autoren an. Als ich sechs Jahre alt war, kriegte ich zu Weihnachten Grimms Märchen. Ein dickes, schönes Buch mit Seiten wie Seide. Mir gefiel es immer vor dem Lesen am Buch zu schnuppern. Es roch nach frischem Leim und nach Holunderblüte. Es war mein erstes Buch. Daraus habe ich aber mehr gelernt als aus allen späteren Büchern, die mich bis heute begleitet haben. All diese wunderbaren Märchen, mehrmals gelesen, sanken tief in mich ein. Ich erinnere mich an alle. Heute noch. Das Vaterunser habe ich auch von meiner Großmutter gelernt. Jeden Abend, vor dem Schlafengehen, musste ich mit ihr beten. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar; habe sie sehr geliebt und liebe sie immer noch. Kam ich aus der Schule heim, war das Essen schon fertig. Sie saß vor mir in ihrem Sessel und folgte jedem Bissen mit kleinen Lippenbewegungen, als ob sie es mit mir genießen würde. Dann räumte sie ab und wir warteten beide auf die Ankunft meiner Mutter; sie war Buchhalterin in der Butterfabrik. Und sie kam immer pünktlich.


13.


Mittwochs war immer großer Markttag. Bauern aus der Umgebung brachten Gemüse, Früchte und Milchprodukte. Aus dem südlichen Gebiet, zwischen den Karpaten und der Donau, kamen die Melonenzüchter, Oltener genannt. Diese brachten auch Paprika und Tomaten mit. Alle schliefen in der Sommerzeit dort, auf dem Marktplatz, in improvisierten Schlafverhältnissen. Fuhrwerke donnerten vorbei. Wurden am Flussufer an einer langen Stange angebunden. Die Pferde kriegten Heu, und alles roch nach Pferdekot, nach nassem Pferdefutter. Für uns Kinder war es eine Wonne. Wir versuchten Melonen zu stehlen, was uns meistens auch gelang. Meine Großmutter war in ihrem Element. Sie verhandelte sehr gerne, nur um mit den Leuten reden zu können. In kurzärmeligem, weitem Kleid glitt und rollte sie wie ein Ball von einem Tisch zum anderen, hatte ihren Korb immer dabei. Es herrschte ein furchtbarer Lärm, der sich weit ausbreitete. Uniformierte Milizen verfolgten jede Bewegung. Besonders die Preise und die Geschäfte der Oltener, Bauern aus dem Südwesten des Landes. Die Miliz war aber käuflich. Wie alle. Kinder mit Rollern zwängten sich schreiend durch die Menge. Streunende Hunde überall. Vor dem Lebensmittelladen trampelten wie immer die bärtigen Zigeuner mit ihren Kindern und Frauen herum. Kesselzigeuner. Im Kreis, auf dem nackten Boden. Sie redeten laut, schrien und tranken den billigen Wein. Nur die Fischer auf dem anderen Ufer saßen da ..........

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