Andrej v. Amady

                                                                                                              

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             ANDREJ von AMADY

                            Liebe und Wahnsinn
                               in finsterer Zeit    

22.


Im Bereich der Kultur war die Lage noch katastrophaler. Nach einer Liberalisierungsperiode, Ende der sechziger Jahre, kehrte der geliebte Führer aus Korea zurück und versuchte, die dort gesehenen und erlernten Strukturen des…Bösen auch bei uns zu implementieren. Die Zensur war unerbittlich. Sie hatten Listen mit bestimmten Wörtern, die nicht erscheinen durften. In welchem Kontext auch immer. Wortverbot. Auf dem Titelblatt jeglicher Zeitung oder Zeitschrift tronte das Bild des Diktators und seiner Frau. In den folgenden 18 Jahren erschienen keine Zeitungen oder Zeitschriften ohne diese Abbildungen, ohne ein Begleitungstext oder ein Gedicht, in dem sie von den Hofdichtern der Regierung verherrlicht wurden. Viele gute, talentierte Schriftsteller ließen sich auf so was ein. Sie hatten eine Gabe, befanden sich aber auf eine niedrige Ebene des Bewusstseins. Schmeichler, Positions-und Stellenjäger. Niemand zwang sie diese lächerlichen Texte zu schreiben. Der Job aber, ihre Familie aber, die Kinder aber … diese Kinder, die heute den noch Lebenden, vorwerfen, warum sie sich auf sowas eingelassen haben…Und die Antwort ist immer dieselbe: ´Die Zeiten waren so`, `wir sind Opfer der Geschichte seit Jahrtausenden´, ´wir wälzten uns unter den Zeiten ´, wir mussten uns durchschlagen, wir mussten überleben´… Manchmal benutzten sie abgedroschene Klischees oder Sprüche: `den gesenkten Kopf trifft das Schwert nicht`…oder `man verbrüdert sich mit dem Teufel, bis man den Steg überquert hat`…Und was dann? Was nun mit dem kompromissvollsten, dem „katholischsten“ Spruch: ´Verneige dich vor Gott, verdirb es dir aber auch mit dem Teufel nicht´…So lebten wir dahin. „Ich schreib mir das Leben her / ich schreib mir das Leben weg „- so ein guter Freund und Dichter in einem seiner Gedichte. Ja, die deutschsprachigen Schriftsteller Rumäniens freuten sich einer bestimmten Ausdrucksfreiheit. „Die Anzahl der Leser ist nicht groß. Und alle werden mal auswandern“, hörte ich in der Kneipe von einem Spitzel der Securitate. Wahrscheinlich hatten beinah alle diesen Gedanken im Hinterkopf. Einige waren schon in der DDR und auch in der Bundesrepublik bekannt. Eine gute Werbung. Also hatten


sie im Extremfall die Möglichkeit, die Ausreise zu beantragen und die Folgen zu tragen. Viele wurden eingesperrt, verließen später das Land. Ihre rumänischen Kollegen aber hatten nur den einen Weg - in den Kerker, in den sicheren Tod. Obwohl einige, zugegeben sehr wenige, schon im Ausland als Rebellen bekannt waren. Und diese wurden dann auch, auf Druck des Westens, ausgewiesen. Verjagt. Man kann sie aber an einer einzigen Hand aufzählen. Anfang der achtziger Jahre veranstaltete ich ein Poetry-Festival in meiner Heimatstadt. Sie ließen es zu. Wahrscheinlich, weil sie damit alle unter die Lupe nehmen konnten; alles aufnehmen konnten. Es kamen Dichter aus dem ganzen Land. Die Besten. Es wimmelte nur so von Securitate-Mitarbeiter und sicherlich auch von IM Kumpanen; darunter, wie es sich später herausstellte, auch Dichter und Kritiker. Es wurden „harte“, schohnungslose Texte gelesen. Ich erinnere mich an einen Text – „Genossen, wo wir sind, herrscht das Chaos / aber wir können nicht überall sein“ …und ich dachte gleich, dass ich etwas Ähnliches irgendwo mal gelesen hatte…etwa bei Karl Kraus?...Allgemeine Verblüffung, und dann der stürmische Beifall …Nach 1989 aber stellte es sich heraus, dass alle vorgelesene Texte von einem Folk-Sänger und Freund heimlich aufgenommen wurden …Er bekannte sich auch vor einigen Jahren dazu, und zwar als IM-Spitzel tätig gewesen zu sein.`Habe aber … niemandem Schaden zugefügt´…ergänzte er noch und starrte auf den Boden …Ich gewann den Bukarester Verlagspreis, und mein erstes Buch kam heraus. Wurde vom Verlag eingeladen und brachte auch die Exemplare der dreisprachigen Zeitschrift mit, worin diese Gedichte schon publiziert wurden. Jawohl, um diese „erneute“ Verlagszensur zu „besänftigen“; denn eben darum ging es ja bei dieser Einladung. Im großen Zimmer saß ein gestylter Herr in einem Sessel, Liviu. Graue Haare, gepflegtes Äußeres, oder wie man heute sagen würde, ´exzellentes Outfit ´… Vor ihm lagen meine Zeitschriften. Die Farbe Rot fiel auf, von seinen Unterstreichungen, von seinen „wertvollen Verzeichnissen“. Privatbesitz? Er sah mich lange Zeit an, dann wies er auf den Stuhl gegenüber seinem riesigen Schreibtisch . „Wie Sie sehen“, sprach er sehr leise, „habe ich hier an den Wänden ein paar Bilder…Reproduktionen berühmter Maler“ und er lächelte, „ bei jedem kann man, trotz des traurigen Themas, einen Lichtblick erhaschen…in Ihren Gedichten, überhaupt kein Lichtblick, nichts Heiteres“…Ich schwieg. Was konnte ich noch sagen? Dass es wirklich nichts Heiteres gab? Er sah mich wieder an. „Wie sollen wir so was herausbringen?“ – Seine Augen wurden plötzlich kalt, eiskalt. Dann rief er die, für mein Buch verantwortliche Verlegerin zu sich, die auch Dichterin war. Flüsterte ihr etwas zu und zeigte mir mit herrischer Gebärde die Tür. „Gut, dass Sie nichts gesagt haben“,… flüsterte die Verlegerin scheu. „Lassen Sie dieses erste Buch mal so erscheinen…ich würde Sie zu mir auf ein Glas einladen, aber etwas ist dazwischen gekommen“, und sie lächelte. Ein trauriges, einsames Lächeln. Das Buch erschien. Von achtzig Seiten blieben dreißig übrig. Trotzdem fand das Buch bei der Kritik einen großen Anklang. Niemand wusste von den über fünfzig zensierten und entfernten Seiten. Nach drei Jahren wählte die traurige Dichterin und Verlegerin den Freitod. Sprang vom achten Stock …in die Leere … `kein Lichtblick, nichts Heiteres`…Zwei Jahre später wurden die drei Dozenten, die für die dreisprachige literarische Zeitschrift ............
    

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