Bernhard Setzwein

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         BERNHARD SETZWEIN
           


               Aus: Das blaue Tagwerk
           (Aufzeichnungen aus dem Jahr 2009)


     Nach elf Stunden Fahrt quer durch Europa landen wir in Timişoara an. Eugen P., der unbeirrbar und unablösbar hinter dem Lenkrad die 1000 Kilometer heruntergerissen hat, ist selbst jetzt noch so munter, daß er sofort Verleger Lucian Alexiu anruft, daß wir angekommen seien. Der eilt auch gleich in unser Quartier, das Hotel Central. Und bringt, noch druckfeucht, Eugens neuestes Buch mit, den Gedichtband »Geometria focului«. Wir haben also etwas zu feiern, heute abend. Tun dies im »Lloyd«, dem alten, grand-hotel-mäßigen Restaurant am Siegessplatz. Hier sind wir richtig. Woran ich das so schnell erkennen kann? Ganz einfach. Hier steht »Ciorbă de burtă« auf der Speisekarte, Kuttelflecksuppe! Sicheres Anzeichen, endlich wieder daheim in meinem Mitteleuropa zu sein. Und das gleich beim ersten Ankommen! Wo gibt’s denn so etwas? In Temeschwar!

     Überlandfahrt hinaus auf das Dorf Belinţ, in der Nähe von Lugoj. Pferdefuhrwerke, Zigeuner vor ihrer winzigen, windschiefen Bauernhütte, ein angepflockter alter Klepper, der die jetzt noch, Mitte Mai, saftig grünen Grasbüschel in sich hineinmampft. Immer wieder rastend hingestreckte, dösende Zufußgeher, und zwar hingestreckt in die Schatten der zahlreichen Alleebäume gleich neben dem Fahrbahnasphalt. Herrenlose Straßenhunde. Wie ich beim Zwischenstopp und Aussteigen in Lugoj bemerke, sind sie gar nicht wie unsere Hunde, aufdringlich nämlich, einen anspringend, das was unsere Hundehalter gerne »verspielt« nennen. Nein, die trollen sich sofort, wenn ihnen ein Mensch näherkommt. Wahrscheinlich haben sie von dieser Spezies bisher nur Schlechtes erfahren.


       Sie kommen mir sehr, sehr traurig vor, altersgebeugt und voller Gram, die Straßenhunde von Lugoj. (Muß an Max Blaeulichs großartige Erzählung »Die Hunde von Bukarest« denken. Darin heißt es, der Kenner der Straßenhunde wähle für ihre Existenz das Synonym »Erschrecken, weil sie nicht existieren: sie erschrecken in Permananz«. Er hat recht, natürlich hat er wieder einmal recht, der Max.)
     Wir sind auf dem Weg, Simion Dănilă zu besuchen. Er ist der wahrscheinlich profundeste Nietzsche-Kenner Rumäniens. Und wohnt in dem Bauerndorf Belinţ. Wir verfahren uns mehrmals, suchen nach seiner Adresse. Das heißt, eine Straßenadresse gibt es keine. Die Häuser sind einfach nur durchnumeriert. Stehen alle entlang der elendslangen Hauptstraße. Zwischen der Fahrbahn der Straße und der Häuserzeile erstrecken sich auf beiden Seiten Wiesenstreifen, auf denen in Dreierreihen Obstbäume stehen, Weichseln vor allem, für den Kirschstrudel, den es hier überall gibt. Die Häuser stehen mit der Giebelseite zur Straße, im Giebelfeld sind oft noch die deutschen Namen der ursprünglichen Erbauer und Besitzer zu lesen. Zu einem Gehöft gehören in der Regel zwei langgestreckte Gebäudeflügel links und rechts, die den Innehof begrenzen. Mit einem hohen Tor ist er von außen für Blicke verborgen. »Heraußen«, zur Straße hin, steht lediglich eine wackelige Holzbank, im Schatten der Weichsel-bäume. Immer wieder sehen wir die Dorfälteren, wie sie dort die Zeit verhocken. Und mitten unten ihnen dann Simion Dănilă. Aufgeregt winkt er uns. Beinahe wären wir wieder an seinem Haus vorbeigefahren. Vor dem Tor zu seinem Hof steht er mit seiner Frau und begrüßt uns. Bittet uns herein. Der Innenhof ist weinreben-überrankt. Mehrere Katzen schleichen herum. War Nietzsche eigentlich Katzen- oder Hundefreund? (Daheim nachschauen!) Herr Dănilă bittet uns ins Haus. 
     In der guten Stube mit dem weiß gekachelten Ofen und dem wuchtigen Büffet hängt brav Banater Volkskunst. Zum Beispiel das Wappen der Region als Holzintarsie. Gleich daneben das Arbeitszimmer, vollgepfropft mit Nietzsche-Literatur bis unter die Decke. Hier brütet alle Tage der Herr Dănilă und sinnt darüber nach, wie er solche Sätze wie »so wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern« in ein adäquates Rumänisch bringen kann. Ja, er ist tatsächlich gerade über dem »Ecce homo«, erzählt er und zeigt voller Stolz sein besonderes Lesepult: Es ist groß wie ein Nudelbrett und erlaubt es, zwei Reihen Bücher übereinander zu stellen, aufgeschlagen an einer bestimmten Seite, vor ungewolltem Umblättern geschützt durch einen Hosengummi. Er vergleicht Satz für Satz die verschiedenen Nietzsche-ausgaben, um so zu seinem eigenen, rumänischen Urteil zu kommen. Auf dem Lesepult stehen: »Ecce homo« in italienischer und französischer Übersetzung (hilfreich für den Rumänischübersetzer, da diese Sprache ebenfalls romanischen Ursprungs ist, erklärt Dănilă), ...........

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