Bernhard Setzwein

                                  Bernhard Setzwein                    

               

       BERNHARD SETZWEIN


                       
Ein Brünner Monat
                     


  Writer-in-Residence-Aufenthalt im Oktober 2018 in Brünn

 

01. 10

Nach einer langen Anreise sehe ich heute von Brünn nicht viel mehr als die freilich recht imposant in Szene und Licht gesetzte Festung Spielberg. Sie ist der krönende Bildmittelpunkt in dem großen Panoramafenster, das fast die ganze Längsseite der schönen Stipendiatswohnung einnimmt. Die ist im obersten Stockwerk eines Gründerzeit-Mietshauses in der Veveři-Straße untergebracht, im Vordergrund, vor der Festung, ein Park mit herrlichen, alten Bäumen und einer verwaisten Tischtennisplatte. Spielberg wacht über den Schlaf meiner ersten Nacht. Das nie grelle – auch bei der Straßenbeleuchtung nicht –, leicht kupfrige Anstrahlelicht der Burg hat etwas Heimeliges und kann doch nicht ganz vergessen machen, daß die Festung einer der brutalsten "Völkerkerker" des Habsburger Reiches war. Vor allem Kaiser Josef II. begann damit, in den ausbruchs-sicheren Kasematten seine politischen Gegner aus den immer schon separatistisch gesinnten Kronländern mehr oder minder bei lebendigem Leibe verfaulen zu lassen. Auch Franziskus Freiherr von der Trenck, dessen mumifizierte Leiche in der Gruft der Brünner Kapuziner liegt, war dort oben ein gutes Jahr eingesperrt. Aber das ist eine eigene Geschichte, die in diesen Tagen sicher noch genauer zu erzählen sein wird, zumal von einem, der lange in Waldmünchen gelebt hat, einer Stadt, die zu Trenck ein ganz besonderes Verhältnis hat. Jedenfalls geht mir diese Geschichte schon heute vor dem Einschlafen noch durch den Kopf.

 

02. 10


Es ist Wahlkampf in Brünn. In fünf Tagen wird der städtische Senat gewählt. Jan Špilar kandiert für die tschechische Christ-

       
Demokratische Volkspartei, weil er ist nämlich nicht nur einer der bekanntesten Coiffeure – oder sollte ich besser schreiben Hairdresser – Tschechiens, sondern auch Diakon an der St. Michaelskirche am Dominikanerplatz. Zufällig komme ich an seiner Wahlkampf-Performance vorbei, die weder Assoziationen an seine KDU-ČSL-Mitgliedschaft nahelegt noch an sein Diakonen-Dasein. Zu den ziemlich schrägen Klängen einer Punk-Sängerin schneidet er in demonstrativer Gelassenheit einer jungen Dame die Haare, was immer das auch über sein politisches Programm aussagen mag (etwa "ich wasch Euch allen den Kopf und scher Euch die Haare", was ja auch mal ein Bewerbungsslogan wäre). Wenn man nun noch hört, daß seine Kandidatur von der Piraten-Partei unterstützt wird, bekommt man langsam eine gewisse Ahnung davon, daß die politischen Verhältnisse in Tschechien vielleicht nicht unbedingt mit unseren Maßstäben zu messen sind.
Oder gilt das nur für die besondere Atmosphäre Brünns, die mir auch jetzt, bei meinem vierten oder fünften Besuch in der Stadt, schon gleich beim ersten Herumflanieren in den Straßen auffällt. Hier ist das Zusammenleben irgendwie bunt, jung und frisch, von einer offensichtlich ziemlich selbstverständlichen Toleranz geprägt. Man sieht einen lachenden Benediktiner-Pater in seinem schwarzen Habit, wie er sich mit einem Familienvater und dessen kleinen Sohn unterhält ebenso wie den Punk und die feine Lady, die wieder einmal nicht weiß, wie sie ihren Hausfrauen-Panzer, sprich SUV, parkieren soll, sie tut es schließlich mitten im fließenden Verkehr in zweiter Reihe, und niemand regt sich auf.
Ich freue mich, daß ich dieses besondere Brünner Leben dieses Mal nicht nur zwei, drei Tage, wie bei meinen bisherigen Aufenthalten, sondern einen ganzen Monat lang betrachten darf. "Beobachten" schreibe ich bewußt nicht, weil das soll es nicht sein. Will kein Beobachter, allenfalls ein Betrachter und Beschauer sein.

                                                   
03. 10


So wie auch Jan Skácel ein menschenliebender Betrachter war, etwa in seinen kleinen, ungemein feinen Feuilletons, die weniger bekannt sind als seine Gedichte, aber nicht minder lesens- und bewundernswert. Lange, bevor ich Brünn das erste Mal betreten habe, habe ich es auf eine gewisse Art schon gekannt. Weil ich Skácel gelesen habe. Jahrelang war ihm das Publizieren verboten gewesen, heute ist er Ehrenbürger der Stadt. Seine Gedichtverse zieren nicht nur einen Brunnen drunten in der Stadt, sondern sein Kopf steht nun auch oben auf dem Hügel der Festung Spielberg, übrigens gar nicht weit entfernt von dem Weinberg, den man aus Anschauungs-gründen wieder angelegt hat, um auf die Historie des Weinanbaus am Spielberg-Hügel hinzuweisen. Das wird den Wein-Liebhaber Skácel aber freuen!
Ihm mußte unbedingt mein erster längerer Spaziergang gelten. Sehr schöner Platz, wo der Künstler Jiři Sobotka sein Werk aufgestellt hat: ein Kalksteinsockel, mit ein paar ............

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