Johann Steiner

                                                                                                              

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                        Zeit der Ballzauberer

                              
            JOHANN STEINER


                  ZEIT DER BALLZAUBERER


    Sie haben Weltmeister hervorgebracht, haben Europa-Pokale gewonnen, sind Landesmeister geworden. Die Banater Deutschen, ein Völkchen am Südostrand der Pannonischen Tiefebene, haben nach dem Zweiten Weltkrieg Sportgeschichte geschrieben. Ein Teil der 250.000, die noch nach dem Krieg im Land zwischen Marosch, Theiß, Donau und den Karpaten zurückgeblieben waren, sind leidenschaftliche Handballer geworden. Es war die Sportart, über die sie sich identifiziert haben. Handball war in den ersten drei Jahrzehnten nach 1945 im Südwesten Rumäniens eine Angelegenheit dieser Deutschen, die zu den Verlierern des Krieges gezählt und deshalb unterdrückt, deportiert und diskriminiert worden sind. Beim Handball, anfangs keine Sache der Rumänen, waren die Deutschen noch unter sich, es war eine Nische, in der sie sich als Gehasste noch ein bisschen wohlgefühlt haben.
Doch im Laufe der Zeit hat sich das geändert. In fast jedem größeren kommunistischen Betrieb wurde eine Handball-Mannschaft gegründet, ebenso in Schulen. Der rumänische Nachwuchs wurde allmählich herangebildet als Ersatz für die unbeliebten Deutschen. Eine wichtige Rolle haben dabei auch die neu geschaffenen Sportschulen gespielt. Trotz allem: Um Erfolg zu haben, mussten die Oberen des Rumänischen Handball-Verbandes immer wieder auf die Deutschen zurückgreifen.
    Die Leistungen der Banater Deutschen auf dem Gebiet des Handballs können sich sehen lassen. Sie haben Pionierarbeit geleistet; sie haben zusammen mit den Siebenbürger Sachsen Rumänien den Weg geebnet zum Gewinn von sieben Weltmeistertiteln. Drei gehen auf das Konto der Frauen. Zu den Gewinnerinnen der beiden ersten WM-Titel gehört die Banaterin Irene Günther-Kinn (1956 und 1960 auf dem Großfeld). Dann war die Reihe an den Kleinfeld-Handballern. Anni Nemetz-Schauberger (gebürtig aus Tschakowa) und die Wahl-Temeswarerin Edeltraut Franz-Sauer haben 1962 Weltmeister-Ehren erfahren. Bei den Männern haben die Banater Spieler aufgetrumpft. Ihre beiden ersten Weltmeister-Titel 1961 und 1964 hätte die rumänische Herren-Nationalmann-schaft ohne die Weltklasseleute Michael Redl, Hans Moser und Josef Jakob nie gewonnen. Zum Gewinn der WM-Titel 1970 und 1974 haben der Wahl-Banater Roland Gunnesch und Werner Stöckl beigetragen. Wäre Hansi Schmidt 1963 nicht im Westen geblieben, hätte er auch zu diesen Weltmeistern gehört. So aber ist er zum besten deutschen Handballer der Jahre 1965 bis 1975 aufgestiegen.

   
    Als die deutschen Trainer und Spieler in den 1970er und 1980er Jahren Rumänien den Rücken kehrten, hat der rapide Niedergang des rumänischen Handballs begonnen. Heute ist er bedeutungslos. Die nächste Generation wird ihn schon vergessen haben.
    Das vorliegende Buch versucht, möglichst ein vollständiges Bild über diese Sportart in den Banater Städten und Dörfern mit deutscher Bevölkerung zu zeichnen. Die Mitwirkenden an diesem Handball-Buch haben ihr Möglichstes gegeben, um das Handball-Geschehen im Banat darzustellen. Es ist ihnen einfach um die Sache gegangen. 
Dieser Versuch, den banat-deutschen Handball in seiner Gesamtheit zu erfassen, ist auch deshalb nur zum Teil gelungen, weil er früher hätte unternommen werden müssen. Die vor dem Krieg geborenen Handballer sind zum Großteil nicht mehr unter uns, die während und danach geborenen sind bald 80 und 70. Die Zahl der ehemaligen Aktiven nimmt ständig ab. Die Erinnerung verblasst. Bald gibt es nicht einmal mehr diese.
   Die in Deutschland geborene Generation ist weit verstreut. Die jungen Handballer integrieren sich in die Vereine ihrer neuen Heimat. Wer fragt sie noch, woher sie oder ihre Vorfahren kommen? Der Banater Handball ist längst Geschichte geworden. Den Volksstamm, der ihn geprägt und zelebriert hat, ist in wenigen Jahren auch Geschichte. Die Zeit der banat-deutschen Ballzauberer ist zu Ende. Es wachsen keine mehr nach. Die jetzt schon verblasste Erinnerung wird verschwinden, sie wird ausgelöscht. Was bleibt, sind die wenigen Geschichten, die in diesem Buch aufgeschrieben sind. Und deshalb hat es sich vielleicht doch gelohnt, dass wenige Handball-Verrückte zur Feder gegriffen haben, um das Vorliegende aufzuzeichnen.
   Wer noch nie erfahren hat, was Diskriminierung heißt oder wie sie angewandt wird, der kann das aus vielen Beiträgen in diesem Buch erfahren. Diskriminierung haben Minderheiten nicht nur in Rumänien erlebt, sondern in allen Satelliten-Staaten der angeblich so friedliebenden Sowjetunion. In Rumänien war sie allerdings weniger ausgeprägt als in anderen Ländern. Und wer meint, es hätte sich inzwischen etwas geändert, der hat sich gewaltig getäuscht. Minderheit zu sein ist oft ein hartes Los.
   Vorliegender Band ist auf Initiative von Werner Gilde zustande gekommen. Der Band ist auch als Fortsetzung oder Vertiefung dessen aufzufassen, was angerissen worden ist in dem Buch Handball-Geschichte(n). Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben ebnen Rumänien den Weg zu sieben Weltmeistertiteln.
Aufgenommen in das jetzt aufgelegte Buch wurden neben Geschichten von - auf den ersten Blick - unbedeutenden Mannschaften auch die Porträts von knapp zwei Dutzend herausragenden Spielerinnen und Spielern. Kriterium für die Aufnahme sind errungene Meistertitel oder Berufungen in die Nationalmannschaften. Darunter sind auch Siebenbürger Frauen, die ihre Erfolge in Temeswar gefeiert haben. Auch der Siebenbürger Roland Gunnesch gehört dazu, der fast ein Synonym von Poli Temeswar ist. Gewürdigt werden ferner Erfolge banat-deutscher Trainer. Aber auch die Schiedsrichter sind nicht vergessen worden.


                            Im September 2023

 

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