Radu Gyr

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                  RADU GYR


             

             Jesus in der Zelle 


   Heute Nacht Jesus betrat meine Zelle.
   Oh, wie traurig und wie hoch schien Christus!
   Der Mond folgte Ihn, in der Zelle
   Und machte Ihn größer und noch trauriger.

   Seine Hände schienen wie Lilien auf Gräber;
   Die Augen tief so manche Wälder.
   Der Mond deckte mit Silber seine Kleider ab
   Und versilberte die alten Nagellöcher.

   Erstaunt sprang ich unter der grauen Decke hervor:
   - Woher kommst du, Herr, aus welchem Jahrhundert?
   Jesus legte sanft einen Finger auf seinen Mund
   um mir Zeichen zu geben zu schweigen. 

   Er setzte sich neben mich auf die Matte:
   "Lege deine Hand auf meine Wunden!"
   An den Knöcheln hatte er Nagelspuren und Rost
   So als hätte er einmal Ketten getragen.

   Seufzend streckte er seine abgerackerten Knochen
   auf meiner Matte mit schwarze Käfern aus.
   Der Mond leuchtete, aber die dicken Balken
   streckten Ruten auf Seinem Schnee aus.

   Die Zelle sah wie ein Berg aus, wie ein Schädel
   und wimmelte von Läuse und Mäuse.
   Ich fühlte wie mein Kopf auf meine Hand fiel
   und bin tausend Jahre lang eingeschlafen ....
 

                                             
   Als ich aus der Untiefe erwachte,
   das Stroh roch nach Rosen.
   Ich war in der Zelle, der Mond leuchtete,
   nur Jesus war nirgendwo ...

   Ich streckte meine Arme aus, niemand, Stille.
   Ich fragte die Wand: keine Antwort!
   Nur kalte Strahlen, scharfe in die Ecken,
   mit ihrem Speer haben sie mich durchbohrt ....

   - Wo bist du, Herr? Ich schrie das Gitter an.
   Vom Mond kam Weihrauch...
   Ich fühlte an meinen Händen
   Spuren seiner Nägel.






    Deutsche Version: MAXIMILIAN DENGG

 








Radu Gyr
Pseudonym von Radu Ștefan Demetrescu; geb. 2. März 1905, Câmpulung-Muscel - gest. 29. April 1975, Bukarest, war ein rumänischer Dichter, Essayist, Dramatiker und Journalist. Er war 20 Jahre inhaftiert und wurde nie vollständig als Schriftsteller rehabilitiert. Nachdem er einige Zeit im Gefängnis verbracht hatte, wurde Radu Gyr an die Ostfront geschickt. 1958 wurde er von den ko-mmunistischen Behörden wegen seines Gedichts zum Tode verurteilt, das vom Regime als subversiv angesehen wurde: "Ridică-te Gheorghe, ridică-te Ioane!" ("Steh jetzt auf, Gheorghe, steh jetzt auf, Ion!") Das Gedicht forderte Bauern und Rumänen auf, sich unter Gattungsnamen gegen das kommunistische diktatorische Regime zu erheben.

  

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