Herbert W. Muehlroth

                                                                                                              

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                                   Herbert W. Muehlroth                                    

 

 HERBERT WERNER MÜHLROTH

 

                   Vereinzelte Gedanken zu Croh


Croh ist ein homme de lettre, der aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten und Kenntnisse in jeder Literatur reüssieren hätte können. In seinen „Amintiri deghizate“ (Verschleierte Erinnerungen) erklärt er die Herkunft seines schwer auszusprechenden Pseudonyms: „Ich wollte damit beweisen, daß man auch mit einem unaussprechlichen Namen Karriere in der Literatur machen kann.“ Der subtile Humor dieser Aussage ist bezeichnend für Crohs Charakter. Croh liebte das Understatement. Ihm war jegliche barocke Anbiederung zuwider.

Croh war im eigentlichen Sinne „Kosmopolit“ – er wurde aus diesem Grunde auch in den 50-er Jahren angeklagt („Amintiri deghizate“). „Wäre ich Franzose, dann wäre ich genial.“ sagte Eugen Ionescu in seiner rumänischen Zeit. Ionescu wurde Franzose, und er wurde weltberühmt. Croh ist Rumäne geblieben, genauer: rumänischer Jude, mit dem bürgerlichen Namen „Moise Cahn“.

In seiner Berliner Zeit schrieb er jedes Jahr seiner Frau ein Gedicht auf Französisch. Auf dem Briefumschlag notierte er Widmungen auf Deutsch oder Rumänisch, der Art: „Meiner Prinzessin – von einem verlausten Juden aus Galatz.“

Die Briefe, die Croh in seiner Berliner Zeit von 1993 bis 2000 erhalten hatte, zeigen, daß er sich sicher auf europäischem Niveau bewegte (Nadeau, etc ausführen!!!)
Croh hat mit seinem 3-bändigen Werk „Geschichte der rumänischen Literatur zwischen den beiden Weltkriegen“ einen Maßstab für die rumänische Literaturgeschichts-schreibung gesetzt. Hier wird die rumänische Literatur nicht vereinzelt betrachtet, weder glorifiziert noch idyllisiert. Hier ist nicht der übliche Minderwertigkeitskomplex der rumänischen Literaturkritik zu spüren, die im Regelfall auf Vergleiche der autochtonen mit „Welt-Autoren“ abhob, sondern Selbstsicherheit und Wertebewußtsein. Crohs Literaturgeschichte stellt die rumänische Literaturgeschichte jener Zeit natürlich auch in den Kontext der großen Literaturen, aber er arbeitet akribisch und streng das aus der rumänischen Literatur heraus, was als europäische Literatur gelten kann.

                                   

Er ist dabei nicht getrieben von einem aus Minderwertigkeitgefühlen resultierenden Geltungsbewußtsein, sondern von ausgesprochener Einfühlsamkeit sowie von Objektivität. Crohs Literaturgeschichte ist ein nahezu geniales Werk, aus der Sicht der großen europäischen Literaturen, die sich darin spiegeln. Es ist eigentlich eine europäische Literaturgeschichte, aus der Sichtweise der rumänischen Literatur jener Zeit (die durch Dada und Avantgarde die Literaturgeschichte entscheiden mitbestimmt hatte) betrachtet.

               Crohs innere Emigration

In unseren Unterhaltungen am „Dienstagabend“ (…) ließ er durchblicken, daß die nach 1989 in Rumänien in den Literaturkreisen entfesselten Diskussionen jegliches Maß verloren hätten. Er fürchtete, mißverstanden zu werden. Er brachte auch keine „Kraft“ mehr zu seiner Verteitigung auf. Dabei spürte er für sich selbst auch nicht die Notwendigkeit, sich verteitigen zu müssen. Er trug der historischen Tatsache Rechnung, daß, nach einer 40-jährigen Periode der Unterdrückung der Meinungsfreiheit, kein Platz für differenzierte Ansichten vorhanden wäre.

Hierfür gibt Sokrates in seine Apologie ein bezeichnendes Bild. Als die Fesseln an seinen Händen durchschnitten wurden, sagt er: Der Stab, der lange Zeit in eine Richtung festgebunden war, schnellt, nach dem Losbinden in die genau entgegengesetzte Richtung, um dann so lange zwischen den beiden Richtungen zu pendeln, bis er das Gleichgewicht wiederfindet.

Der Stab war zu jener Zeit in Rumänien in die entgegengesetzte Richtung geschnellt. Croh wollte nicht in diesem Milieu, in dem durch die plötzliche Freiheit auch die einfachsten menschlichen Umgangsformen in Mitleidenschaft gezogen worden sind, sich „rechtfertigen“ müssen – für das einzige Büchlein, das er geschrieben hatte, als er an den Kommunismus geglaubt hatte. Niemand kann jedoch ernsthaft behaupten, daß es sich hierbei um eine, im eigentlichen Sinne, proletkultistische Doktrin gehandelt habe. [?]

Nichts war Croh verhaßter, als sich platten Vorwürfen stellen zu müssen. Er antizipierte es, daß er sich undifferenzierten Vorwürfen werde stellen müssen, vor allem wegen seines Kommunismus-Büchleins. Wer die Amintiri deghizate verfolgt, wird erkennen, daß ein Geist wie Croh nur schwer die Plattheit eines „sozialistischen Realismus“ vertreten konnte. Und dennoch hatte er es getan. Hat er dies aus Überzeugung oder aus der Erkenntnis der Ausweglosigkeit heraus getan, sich mit dem System „arrangieren“ zu müssen? Croh hielt sich selbst nie für einen „Helden“. Kurzum, wer die Amintiri deghizate aufmerksam liest, der wird entdecken, daß ein so feiner, subtiler Geist wie Croh innerlich nicht zur Überzeugung gelangt sein kann, daß die Literatur des sozialistischen Realismus die „höchste Errungenschaft“.........

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