Radu Ciobanu

                  

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           RADU CIOBANU 

                    
                
Ein falscher Mythos - Dracula

 

 
      Das rumänische Volk hat eine sehr reiche Mythologie. Seine uralten Mythen haben sich unter verschiedenen Hypostasen verbreitet: Aberglauben, Balladen, Märchen etc. Dank ihrer imaginativen Prägnanz und der gedanklichen Tragweite der Botschaft werden manche von diesen heute als definierend für die Eigenart der rumänischen Spiritualität betrachtet. Demnach ist die pastorale Ballade Mioritza eine der Bekanntesten; sie erfreut sich der umfangreichsten Kommentare. Zwei Hirten, die neidisch auf einen fleißigeren und wohlhabenderen dritten sind, planen diesen umzubringen. Eines seiner Schafe jedoch, Mioritza genannt, warnt ihn vor der Gefahr, die auf ihn lauert. Darauf vertraut der Hirte dem treuen Tier seine letzten Wünsche an, die sich zu einer persönlichen, wundervollen und originellen Vision über den Tod und über die Reintegration in der Natur zusammenschließen. Der Fatalismus des vermeintlichen Opfers hat zahlreiche Diskussionen entflammt. Durch eine voreilige Verallgemeinerung wurde er sogar als Wesenszug des rumänischen Volkes bewertet.
      Die Anziehungskraft dieser wirklich wundervollen Ballade war so stark, dass sie lange Zeit als höchster Ausdruck der rumänischen Geistigkeit betrachtet wurde. Die Idee hat sich eines regen Umlaufs erfreut und bewahrt auch heute noch ihr Prestige, ist aber selbstverständlich zeitlich überholt. Mircea Eliades Vorstellung, der er 1963 in einer Tagebuchaufzeichnung Ausdruck verliehen hat, setzt sich immer mehr durch. Mioritza ist demnach „insbesondere durch das, was die rumänischen Intelektuellen seit einem Jahrhundert in ihr sehen, wichtig“.
      Durchgesetzt hat sich heutzutage die Ansicht, dass die Essenz der Spiritualität eines Volkes viel zu komplex ist, um in einem einzigen Mythos umfasst zu werden.

                                                     
Ein ästhetisch noch so vollkommener Mythos kann nur Teile dieser Geistigkeit ausdrucken, was schon George Călinescu in seiner hervorragenden Geschichte der rumänischen Literatur von den Anfängen bis in die Gegenwart (1941) behauptet hat. Er nannte damals vier grundlegende Mythen, die sich ihm als „Ausgangspunkte“ der modernen rumänischen Literatur dargestellt hatten: Traian und Dochia, Mioritza, Meister Manole und Der Sylphe. Erstaunlich ist, dass der gefürchtete Kritiker und Literarhistoriker nicht auch Ewige Jugend und Leben ohne Tod erwähnt hat, ein Märchen von einer einzigartigen Tiefe der Bedeutungen, ein Meisterwerk der rumänischen volkstümlichen Prosa, unvergleichlich relevanter als Traian und Dochia. Erst später wird dieses unnachahmliche Märchen vom Philosophen Constantin Noica in einem denkwürdigen Essay aufgenommen und endgültig dem Sternbild der wichtigsten rumänischen Mythen eingegliedert. Abgesehen von Traian und Dochia, ein sogenannter Mythos der Gründung, der jedoch als solcher nicht dieselbe Verbreitung kannte und von gebildeten Einflüssen in romantischer Art verdorben wurde, bleiben tatsächlich vier grundsätzliche Mythen übrig: Mioritza, Ewige Jugend…, Meister Manole und Der Sylphe. Jeder dieser Mythen verleiht Ausdruck einer eigenen Vision über Tod und Natur, beziehungsweise über Zeit, Schöpfung und Eros. Aber genau diese sind die notwendigen und vielleicht auch aus-reichenden Entitäten, aufgrund deren sich jedes Volk definiert. Aus ihrem Nährboden kann eine moderne Kultur wachsen, was übrigens auch geschehen ist.
     Wie man sieht, gibt es überhaupt keine Geschichte über Dracula unter diesen für die rumänische Kultur kennzeichnenden Mythen. Und mehr noch: Nicht einmal unter den subsidiarischen Mythen, deren Resonanz regional oder lokal begrenzt ist, kann irgendeine Spur Draculas identifiziert werden. In der rumänischen Kultur gibt es diesen Mythos einfach nicht: Er wurde ihr erst später vom Westen zugeschrieben. Der Ursprung des Mythos liegt in zwei Realitäten des XV. Jahrhunderts: in einer objek-tiv-historischen und in einer subjektiv-literarischen. Die Letzte gehört zum Bereich der volkstümlichen Fantasie, die aus der Ersten hervorgegangen war. Sie weist demnach eine relativ späte Entstehung auf, die genau identifiziert und datiert werden kann, was im Falle der bereits zitierten grundlegenden Mythen einfach unmöglich ist.
     Draculas Mythos, in seinen verschiedenen gegenwärtigen Erscheinungsformen, wird mit Vorliebe in Transsilvanien (auch: Siebenbürgen) angesiedelt, aber, und das muss deutlich gesagt werden, in ein imaginäres Transsilvanien, dessen einzige Gemeinsamkeit mit dem reellen der Name ist. Die objektive Herkunft des Mythos, angefangen mit dem Namen der Vampir-Gestalt, ist auf die Person des Fürsten Vlad, der den Spitznamen Dracul (Le Diable, der Teufel) trug, zurückzuführen. Er regierte zwischen 1436-1442, nicht in Transsilvanien, sondern in der Walachei, ..............

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